Zeit und Raum und das Problem des freien Willens
Quellen: Gnosis TG - Quorum 2004 / Übs.: Lama A. Govinda
Ein Blick in den Raum ist gleichzeitig ein Blick in die Vergangenheit. Raum ist sichtbare Zeit, sichtbar jedoch nur in eine Richtung. Wir gleichen Reisenden auf dem Rücksitz eines schnell fahrenden Wagens, die nur das Rückwärtige, Zurückbleibende sehen können; aber nicht das, was im Kommen ist; aber wer weiß, ob wir uns nicht im Kreise bewegen, so dass ein Blick in die entfernte Vergangenheit gleichzeitig auch ein B1ick in die Zukunft ist? Selbst wenn sich der Kreis nicht schließt, sondern zu einer Art dreidimensionaler Spirale formen sollte, würde eine große Ähnlichkeit zwischen Vergangenheit und Zukunft bestehen. In diesem Fall könnten wir den Kreis mit dem starren Gesetz vergleichen, das alle rein rückwirklichen Vorgänge der materiellen Welt beherrscht, während die Abweichung vom Kreis (durch Eintritt in die nächst höhere Dimension) ein gewisses Maß freien Willens in den höheren Lebensformen anzeigt.
Die Entdeckung, dass es im Weltall keine gradlinige Bewegung gibt, sondern dass alles, einschließlich des Lichtes, sich in Kurven bewegt, rechtfertigt die oben erwähnten Gedanken. Haldane sagt in Possible Worlds: „Die erweiterte Relativitätstheorie scheint unvermeidlich zu der Ansicht zu führen, dass das All endlich ist, und dass das Fortschreiten in jede Richtung schließlich zum Ausgangspunkt zurückführen würde.“
Wir können Welten sehen, welche viele Tausende von Lichtjahren entfernt sind, und vielleicht werden noch mehr Welten entdeckt werden, bis wir eines Tages womöglich feststellen müssen, dass eine von ihnen unsere eigene Welt ist, allerdings nicht wie sie jetzt ist, sondern wie sie vor Billionen von Jahren bestand. Und vielleicht werden wir sie daher niemals entdecken oder besser wieder erkennen; und wir werden fortfahren, das Weltall zu durchforschen, ohne jemals zu einem Ende zu kommen. Weil der Raum (obgleich er endlich sein mag in der Form, wie wir ihn kennen), ständig vor uns zurückweicht und sich selbst geradezu vor unseren Augen in eine neue Unbegrenztheit verwandelt, nämlich in die der Zeit.
Wenn wir also den Sternenhimmel betrachten, sehen wir nicht das gegenwärtige, sondern ein vergangenes Weltall, und – was noch bemerkenswert ist – ein Weltall, dessen verschiedene Teile nicht einmal gleichzeitig nebeneinander bestanden haben, sondern einige vor wenigen Minuten und andere vor Millionen von Jahren, obgleich wir sie alle im selben Augenblick wahrnehmen.
Aber leben wir nicht, selbst in unserer unmittelbarsten Umgebung, mehr im Vergangenen als im Gegenwärtigen? Wollen wir dann nicht einsehen, dass wir fast immer in einer Welt der Trugbilder leben, wenn wir uns der Tatsache bewusst werden, dass selbst unser Körper tatsächlich die sichtbare Erscheinung unseres vergangenen Bewusstseins ist, das diese stoffliche Form aufgebaut hat gemäß seinen besonderen Strebungen und seiner Entwicklungsstufe? Dies ist wohl der Grund, warum unsere Sinnesorgane sich der Vergangenheit zuwenden, nämlich den verfestigten Formen und den Schwingungen, die von diesen ausgehen, aber nicht der Zukunft und Gegenwart im eigentlichen Sinne.
Seinem Wesen nach ist der Körper tatsächlich Wirken (Karma), das sich als leibliche Form niedergeschlagen hat, sichtbar gewordenes Bewusstsein vergangener Lebensmomente. Karma ist nichts anderes als wirkende Kraft des Bewusstseins, die in ihrem Ergebnis (vipaka) sichtbar wird. Die sichtbare Gestalt ist also tatsächliche Vergangenheit und diejenigen, die ihr gegenüber Abstand gewonnen haben, empfinden sie als etwas Fremdes.
Die zweideutige Stellung des Körpers als das Ergebnis von früheren Bewusstseinsabläufen und als Grundlage des gegenwärtigen Bewusstseins kommt auch zum Ausdruck in der Tatsache, dass ein Teil seiner Tätigkeiten bewusst ist und unsrem Willen unterworfen, z.B. die Bewegungen unserer Glieder, die Fähigkeit des Sprechens usw., während ein anderer Teil unbewusst verläuft und nicht von unserem Willen abhängig ist (und deshalb auch nicht von unserem gegenwärtigen Bewusstsein), wie z.B. Blutkreislauf, Verdauung, innere Sekretion, Wachstum und Zerfall der Zellen usw. Das Atmen nimmt eine Mittelstellung ein, weil es aus einem unbewussten in einen bewussten Vorgang verwandelt werden kann. Daher vermag das Atmen die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verknüpfen, das Geistige mit dem Körperlichen, das Bewusste mit dem Unbewussten. Es ist der Mittler, der einzige Lebensvorgang, durch den wir fassen, was geworden und was im Werden ist, durch den wir die Vergangenheit und die Zukunft meistern können. Daher ist das Atmen der Ausgangspunkt für schöpferische Meditation.
Wir leben vorwiegend in einer mittelbar zugänglichen, rückwirklichen Welt, und nur selten erleben wir tatsächliche Wirklichkeit, nämlich die Gegenwart. Unsere üblichen Reaktionen folgen alten Gewohnheiten, altem Brauch und gründen sich deshalb auf der Vergangenheit, die aufgespeichert ist in Form von Instinkten, Gedächtnisinhalten, begrifflichen und gefühlsmäßigen Verknüpfungen usw. Obgleich diese Vorgänge notwendig sind für den Zusammenhalt und Weiterbestand unserer geistigen und körperlichen Lebensvorgänge, bilden sie doch nur die Unterlage unserer Existenz, die passive Seite unseres Lebens; sie sind sowohl persönliches als auch unser gemeinschaftliches Erbe. Solange dieses Erbe vorherrscht, leben wir im Wesentlichen in der Vergangenheit.
Indessen ist es eine Tatsache, dass unser Bewusstsein nicht nur in eine Richtung zielt wie der Körper und die Sinne, sondern sowohl an der Gegenwart als auch an der Zukunft teilhat, falls wir ihm eine Gelegenheit dazu geben, indem wir es wenigstens zeitweise von der Last der Vergangenheit befreien. Das geschieht während andächtiger religiöser Betrachtung, in Augenblicken der Ergriffenheit durch eine Idee, beim Erlebnis eines Kunstwerkes oder der unberührten Natur, also bei allen Zuständen tiefer Hingabe und Sammlung. Dann wandelt sich jeder Gegenstand des Bewusstseins, gleich ob geistig oder stofflich, in ein persönliches und unmittelbares Erlebnis, dessen Frische durch keine früheren Verknüpfungen verwässert und dessen Ursprünglichkeit nicht verfälscht wird. Wer in der Gegenwart lebt, schaut alles mit einem vollkommen unbeschwerten, vorurteilsfreien und offenen Bewusstsein, er erlebt so tief, als sähe er die Dinge zum ersten Mal. Er bewahrt oder erneuert seine geistige Frische und Wachheit – die charakteristischen Eigenschaften des Genies.
Gewöhnlich leben wir uns weg vom Leben, entweder dadurch, dass wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen oder indem wir die Zukunft vorwegnehmen. Beide Geisteshaltungen bedeuten Unfreiheit, ganz gleich, ob jemand tätig ist oder sich treiben lässt. Wer das anfanglose Greifen und Haften überwindet, befreit sich von der Vergangenheit. Deshalb liegt der buddhistischen Meditation keine andere Absicht zugrunde, als den Geist in die Gegenwart zurückzuführen, in den Zustand völlig wachen Bewusstseins. Das wird erreicht durch Beseitigung aller Hindernisse, die durch Gewohnheit oder Überlieferung geschaffen worden sind. „Ich habe einen Lama sagen hören, dass ein Meister, ein Führer auf dem ‘Kurzen Pfad’, die Aufgabe hat, ein ‘Ausräumen’ zu überwachen. Er muss seinen Schüler anregen, sich frei zu machen von Meinungen, Vorstellungen, übernommenen Gewohnheiten und inneren Neigungen, welche zum Teil seinen gegenwärtigen Geist beherrschen und die in der Reihe früherer Lebensläufe erworben worden sind und deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert. Darüber hinaus muss der Meister seinen Schüler anhalten, auf der Hut zu sein vor der Annahme neuer Meinungen, Vorstellungen und Gewohnheiten, die ebenso unbegründet und unvernünftig sind wie jene, die er eben abschüttelt. Der Schüler auf dem ‘Kurzen Pfad’ muss sich vor neuen Einbildungen hüten. Zwar wird dem Schüler in der Meditation zuweilen das Gestalten von geistigen Bildern vorgeschrieben. Er soll bewusst Wahrnehmungen und Erscheinungen erzeugen und erfährt dabei deren illusorische Natur, welche wir sonst als wirklich hinnehmen, obgleich auch sie nur auf Phantasietätigkeit beruhen. Der einzige Unterschied besteht nur darin, dass Phantasieschöpfungen unbewusst erfolgen. Der tibetanische Reformer Tsongkapa erklärt Meditation als das Mittel, sich selbst zu befähigen, alle Phantasieerzeugnisse zusammen mit ihren Vorbedingungen zu verwerfen“ (Alexandra David-Neel: With Mystics and Magicians in Tibet. Penguin Ed., p. 245).
In diesem Zusammenhang gewinnen folgende Worte Tilopas besondere Bedeutung: „Bemühe dich um Selbsterkenntnis durch Beobachten der Symbole, die in deinem eigenen Geist auftauchen; ohne zu phantasieren, ohne zu grübeln, ohne zu zergliedern, ohne krampfhaftes Nachdenken, ohne bohrende Innenschau; halte deinen Geist in seinem natürlichen Zustand“ (Evans-Wentz: Tibetan Yoga and Secret Doctrine).
Solange wir in der Vergangenheit leben, sind wir dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterworfen, das keinen Raum für freie Willensentscheidungen lässt und uns zum Sklaven der Notwendigkeit macht. Dasselbe gilt für das so genannte „Leben in der Zukunft“, wobei mit Hilfe von Erinnerungsvorstellungen und vergangenen Erfahrungen Wunschbilder erzeugt werden; das Vergangene wird gleichsam in die Zukunft projiziert. Werden jedoch Vergangenheit oder Zukunft in Augenblicken der Hellsicht erfahren, so werden sie zur Gegenwart; diese eben ist unsere einzige Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erleben. (Während das sonstige Verweilen in Vergangenheit oder Zukunft nur verzerrte und verfälschte Spiegelung ist.) Nur in Augenblicken heller Wachheit und Achtsamkeit leben wir in der Gegenwart, sind wirklich frei.
Auf diese Weise haben wir teil an beidem: am Reich des Gesetzes und der Notwendigkeit und an dem der Freiheit. Die Wissenschaft, die sich nur mit dem Gewordenen beschäftigt, mit den gestalteten Formen, aber nicht mit dem eigentlichen Wesen der Wirklichkeit oder dem tatsächlichen Vorgang des lebendigen Werdens und daher eher eine rückwirkliche als eine wirkliche Welt erforscht, kann sich nur eine Welt vorstellen, in der Gesetz oder Notwendigkeit unumschränkt und ausschließlich herrschen. Deshalb kann die Wissenschaft in der Frage von Freiheit und Unfreiheit des Willens der Lebewesen nicht Richter sein, d. h. der Lebewesen, die die Fähigkeit der Anpassung und Selbsterhaltung besitzen und mit der Gabe des Bewusstseins ausgestattet sind. Das gilt auch für die Philosophie, solange sie sich auf wissenschaftliche Ergebnisse und Methoden stützt wie den logischen Schluss usw., die alle derselben rückwirklichen Welt angehören, der niederen Zeitdimension. Abstraktes Denken wird immer zu einem extremen und einseitigen Ergebnis führen. Denn es beschränkt das Problem der Wirklichkeit auf feste Begriffe und ideologisch fein säuberlich getrennte Schubfächer, die auf einer gedachten Ebene ausgewechselt werden können. Diese ist in der Wirklichkeit ebenso wenig vorhanden wie jene begrifflichen Einheiten. Aber diese Beschränkung erlaubt dem Wissenschaftler ein peinlich genaues Gruppieren, entweder auf der einen oder der anderen Seite der Gleichung, so dass immer ein entweder positives oder negatives Ergebnis zustande kommt. In jedem Fall eine endgültige Entscheidung zwischen den beiden Seiten.
Gewöhnlich nimmt man an, dass die durch Denken aufgebaute Welt der wirklich erlebten Welt entspricht (ganz abgesehen von dem Begriff einer Welt „an sich“). Diese stillschweigende Annahme ist die Hauptquelle unserer unwirklichen und irrtümlichen Weltanschauung. Unsere erlebte Welt schließt die gedachte Welt ein, aber nicht umgekehrt. Denn unser Leben umfasst mehrere Dimensionen, von denen der Intellekt, die Fähigkeit zu denken und Begriffe zu bilden, nur eine ist.
Wenn wir die Erlebnisse höherer Dimensionen gedanklich darstellen, tun wir dasselbe wie ein Maler, der dreidimensionalen Raum auf einer zweidimensionalen Fläche wiedergibt. Er kann das nur tun, indem er auf die Darstellung wesentlicher Eigenschaften des Raumes verzichtet und indem er eine neue Ordnung der Maßverhältnisse einführt, die aber nur innerhalb seines künstlerischen Schaffens und nur in einer bestimmten Hinsicht gelten. Was für den Maler die Gesetze der Perspektive, sind für den Denker die Gesetze der Logik. Beide opfern Werte einer höheren Dimension; sie wählen aus und beschränken sich auf einzelne Gesichtspunkte. Auf diese Weise erscheinen ihre Gegenstände nur einseitig, nämlich von der Seite, die ihrer Vorgefassten Meinung entspricht, und in einer veränderten Größenordnung, nämlich verkürzt.
Aber der Künstler überträgt nur seine Eindrücke von einer Dimension bewusst in die andere, und zwar nicht mit der Absicht, die gegenständliche Wirklichkeit nachzuahmen oder neu zu erschaffen. Er will nur seine Haltung gegenüber der Wirklichkeit kundtun und wie die Wirklichkeit ihn beeindruckt hat. Der Denker aber ist gewöhnlich davon überzeugt, dass er in seinem Denken die Wirklichkeit tatsächlich und getreu darstellt. Irrtümlicherweise nimmt er die verkürzende Größenordnung seiner zweidimensionalen Logik für Weltgesetz. Wohl ist die Anwendung der Logik im Denken genauso notwendig und gerechtfertigt wie die Anwendung der Perspektive in der Malerei – aber nur als Mittel des Ausdrucks und nicht als Merkmal und Maßstab der Wirklichkeit.
Die Aufgabe der Philosophie kann also nicht darin bestehen zu entscheiden, ob die Freiheit oder Unfreiheit des Willens ein wirkliches Kennzeichen der Welt ist, denn es gibt kein „Entweder- Oder“. Es gibt keine zwei Möglichkeiten, zwischen denen wir uns entscheiden können, sondern nur zwei Seiten derselben Sache. Wenn der Logiker nicht imstande ist, diese beiden Seiten unserer Erfahrung in seinem Weltbild zu vereinen, mit anderen Worten, wenn er es unvereinbar findet mit den Gesetzen der Logik, dann beweist er nur, dass seine Logik ungeeignet ist, mit der Wirklichkeit fertig zu werden. Denn hier haben wir mit der unmittelbaren Form der Wirklichkeit zu tun, mit den wesentlichsten Tatsachen der menschlichen Erfahrung, die weder Philosophie noch Religion wagen kann zu verneinen oder zu vernachlässigen:
1. Dass wir uns frei fühlen und verantwortlich für unsere Handlungen und dass diese innerste Erfahrung des freien Willens die Voraussetzung für unser Dasein als bewusste Einzelwesen ist. Ohne diesen freien Willen wären wir lediglich Automaten, und die Fähigkeit des Bewusstseins würde nicht nur überflüssig, sondern sogar hinderlich sein.
2. Die Tatsache, dass wir in einer Welt leben, die Gesetzen unterworfen ist, die, obgleich sie unsere Freiheit einschränken, uns die Möglichkeit geben, unsere Handlungen zu planen, auszurichten und zu ordnen, um auf diese Weise unser Verhalten der Umgebung anzupassen.
An dem eisernen Gesetz von Ursache und Wirkung ist nicht zu rütteln. Aber sobald wir eingesehen haben, dass gewisse Ursachen gewisse Ergebnisse zeitigen, sind wir fähig oder können wir es doch werden, zwischen verschiedenen Möglichkeiten des Handelns zu wählen. Wer sich aber einmal entschlossen hat, muss dem durch den ersten Schritt bestimmten Lauf der Dinge folgen.
Es mag verhältnismäßig selten sein, dass wir eine echte Möglichkeit zur Entscheidung haben. Im Allgemeinen erwächst eine Lebenslage mit Notwendigkeit aus einer vorhergehenden und bestimmt den weiteren Ablauf des Geschehens. Aber die Tatsache, dass wir unsere Fähigkeiten des Unterscheidens, Nachdenkens und Entscheidens entfalten können, darf nicht übersehen werden. Auch nicht die Tatsache, dass verschiedene Personen in derselben Lebenslage voneinander abweichende Entscheidungen treffen. Der Anhänger des unfreien Willens wird hier einwenden, dass diese Tatsache kein Beweis für den freien Willen ist, weil jeder gemäß seinem Charakter handelt, von dem er abhängig ist wie der Stein vom Gesetz der Schwerkraft. Dies ist ein Einwurf, der ebenso töricht wie unlogisch ist, weil wir hier mit Worten zu spielen beginnen, ohne Rücksicht auf ihre Beziehungen zum Leben, so als ob jedes Lebewesen ein Ganzes für sich wäre oder eine mathematische Größe mit einem feststehenden Wert.
Freier Wille ist der Ausdruck eines persönlichen Wollens, d.h. des Willens, der dem Wesen einer Persönlichkeit entspricht. Der Ausdruck „freier Wille“ setzt schon das Vorhandensein einer Individualität oder eines individuellen Charakters voraus. Nur eine Persönlichkeit kann eine Willensregung haben, und wenn diese frei ist, so drückt sie die besondere Eigenart dieser Persönlichkeit aus.
Der gesetzmäßige Ablauf eines Naturvorganges erfolgt automatisch und überall in gleicher Weise. Der freie Wille dagegen wirkt bewusst und individuell. Ein Wille, der zusammenhanglos mit und beziehungslos zu unserer eigenen Natur wirkte, wäre sinnlos und könnte nicht „freier Wille” genannt werden, obgleich er frei wäre von jedem denkbaren Gesetz. Gäbe es einen größeren Widersinn?
Wir können also zusammenfassen:
1. Freier Wille, oder allgemein gesagt, Freiheit ist nicht Willkür.
2. Freier Wille kann niemals ein Gegenstand der Beobachtung sein, sondern nur persönliches Erlebnis. Das Problem von Freiheit und Notwendigkeit ist ganz und gar ein persönliches Problem und kann niemals an einem anderen Objekt (wissenschaftlich oder philosophisch) gelöst werden.
3. Freier Wille ist ein relativer Ausdruck. Er bezeichnet eine Beziehung zwischen einer bewussten Persönlichkeit und ihrer Umgebung oder zwischen ihr und einer bestimmten Lebenslage.
4. Deshalb kann es keinen absolut freien Willen geben.
5. Unter freiem Willen verstehen wir die Freiheit eines Individuums, seinen eigenen Willen auszudrücken. Gemäß seinem eigenen Wesen und seiner eigenen Einsicht (also entsprechend der eigenen Entwicklungsstufe) im Gegensatz zu einer mechanischen Rückwirkung, welche einem allgemeinen Gesetz folgt ohne Einsicht und ohne Verständnis ihres Wesens.
6. Der Ausdruck freier Wille besagt nicht, dass er gesetzlos ist oder dass sein eigenes Gesetz im Gegensatz zu allgemeinen Gesetzen steht. Er kann den allgemeinen Gesetzen folgen oder auch nicht, und in vielen Fällen verändert er sie und verwandelt sie in persönliche Gesetze.
Wir können unseren persönlichen Willen mit einer Lokomotive vergleichen und die allgemeinen Gesetze mit einem Schienensystem. Vor Beginn der Fahrt bestehen viele Möglichkeiten. Aber ist einmal die Weiche gestellt, muss die Lokomotive in der begonnenen Richtung weiterfahren. Die beiden Reiche Freiheit und Notwendigkeit (Ethos und Logos, freier Wille und Gesetz), die anscheinend einander ausschließen, sind in der menschlichen Persönlichkeit vereinigt. Was uns von außen als Notwendigkeit erscheint, kann der echteste Ausdruck von Freiheit, von freiem Willen sein, wenn er sich mit dem inneren Gesetz oder dem Wesen der Persönlichkeit deckt.
Und hier erhebt sich die Hauptfrage: Sind nicht vielleicht Gesetze vorhanden, die unser Verstand als außerhalb von uns auffasst und die wir daher als uns gegen unseren eigenen Willen aufgezwungen betrachten – sind nicht eben diese Gesetze unsere eigene geistige Schöpfung und deshalb wahrhaft der Ausdruck unseres allereigensten Willens? Wie kann der Denker annehmen, dass er oberhalb der Welt und oberhalb der Persönlichkeit steht, und vorgeben, dass er ein objektiver Beobachter in einer Sache ist, wo innere Erfahrung – auf der eben die Gesetze, die er zu erforschen wünscht, gegründet sind – die einzige Quelle seines Wissens ist? Er gleicht einem Mann in einem fahrenden Wagen, der meint, dass sich die Dinge rings um ihn bewegen, ohne zu merken, dass er selbst eben in Bewegung ist.
Wir können unseren Standpunkt am besten mit den bezeichnenden Worten A. Eddingtons zusammenfassen (aus Space, Time and Gravitation): „Wir fanden eine seltsame Fußspur an der Küste des Unbekannten. Wir haben tiefsinnige Lehrmeinungen ersonnen, eine nach der anderen, um ihren Ursprung zu erklären. Schließlich glückte es uns, das Wesen zu begreifen, von dem die Fußspur herrührt. Und siehe da, sie ist unsere eigene!“ Wenn die Wissenschaft dies zugibt, wird sie einen neuen Abschnitt beginnen, in der Physisches und Metaphysisches nicht mehr sich ausschließende Gegensätze sind und in dem die Erforschung der Welt uns neue Dimensiolässtdes Geistes entdecken lässt.
Quellen: Gnosis TG - Quorum 2004 / Übs.: Lama A. Govinda
Ein Blick in den Raum ist gleichzeitig ein Blick in die Vergangenheit. Raum ist sichtbare Zeit, sichtbar jedoch nur in eine Richtung. Wir gleichen Reisenden auf dem Rücksitz eines schnell fahrenden Wagens, die nur das Rückwärtige, Zurückbleibende sehen können; aber nicht das, was im Kommen ist; aber wer weiß, ob wir uns nicht im Kreise bewegen, so dass ein Blick in die entfernte Vergangenheit gleichzeitig auch ein B1ick in die Zukunft ist? Selbst wenn sich der Kreis nicht schließt, sondern zu einer Art dreidimensionaler Spirale formen sollte, würde eine große Ähnlichkeit zwischen Vergangenheit und Zukunft bestehen. In diesem Fall könnten wir den Kreis mit dem starren Gesetz vergleichen, das alle rein rückwirklichen Vorgänge der materiellen Welt beherrscht, während die Abweichung vom Kreis (durch Eintritt in die nächst höhere Dimension) ein gewisses Maß freien Willens in den höheren Lebensformen anzeigt.
Die Entdeckung, dass es im Weltall keine gradlinige Bewegung gibt, sondern dass alles, einschließlich des Lichtes, sich in Kurven bewegt, rechtfertigt die oben erwähnten Gedanken. Haldane sagt in Possible Worlds: „Die erweiterte Relativitätstheorie scheint unvermeidlich zu der Ansicht zu führen, dass das All endlich ist, und dass das Fortschreiten in jede Richtung schließlich zum Ausgangspunkt zurückführen würde.“
Wir können Welten sehen, welche viele Tausende von Lichtjahren entfernt sind, und vielleicht werden noch mehr Welten entdeckt werden, bis wir eines Tages womöglich feststellen müssen, dass eine von ihnen unsere eigene Welt ist, allerdings nicht wie sie jetzt ist, sondern wie sie vor Billionen von Jahren bestand. Und vielleicht werden wir sie daher niemals entdecken oder besser wieder erkennen; und wir werden fortfahren, das Weltall zu durchforschen, ohne jemals zu einem Ende zu kommen. Weil der Raum (obgleich er endlich sein mag in der Form, wie wir ihn kennen), ständig vor uns zurückweicht und sich selbst geradezu vor unseren Augen in eine neue Unbegrenztheit verwandelt, nämlich in die der Zeit.
Wenn wir also den Sternenhimmel betrachten, sehen wir nicht das gegenwärtige, sondern ein vergangenes Weltall, und – was noch bemerkenswert ist – ein Weltall, dessen verschiedene Teile nicht einmal gleichzeitig nebeneinander bestanden haben, sondern einige vor wenigen Minuten und andere vor Millionen von Jahren, obgleich wir sie alle im selben Augenblick wahrnehmen.
Aber leben wir nicht, selbst in unserer unmittelbarsten Umgebung, mehr im Vergangenen als im Gegenwärtigen? Wollen wir dann nicht einsehen, dass wir fast immer in einer Welt der Trugbilder leben, wenn wir uns der Tatsache bewusst werden, dass selbst unser Körper tatsächlich die sichtbare Erscheinung unseres vergangenen Bewusstseins ist, das diese stoffliche Form aufgebaut hat gemäß seinen besonderen Strebungen und seiner Entwicklungsstufe? Dies ist wohl der Grund, warum unsere Sinnesorgane sich der Vergangenheit zuwenden, nämlich den verfestigten Formen und den Schwingungen, die von diesen ausgehen, aber nicht der Zukunft und Gegenwart im eigentlichen Sinne.
Seinem Wesen nach ist der Körper tatsächlich Wirken (Karma), das sich als leibliche Form niedergeschlagen hat, sichtbar gewordenes Bewusstsein vergangener Lebensmomente. Karma ist nichts anderes als wirkende Kraft des Bewusstseins, die in ihrem Ergebnis (vipaka) sichtbar wird. Die sichtbare Gestalt ist also tatsächliche Vergangenheit und diejenigen, die ihr gegenüber Abstand gewonnen haben, empfinden sie als etwas Fremdes.
Die zweideutige Stellung des Körpers als das Ergebnis von früheren Bewusstseinsabläufen und als Grundlage des gegenwärtigen Bewusstseins kommt auch zum Ausdruck in der Tatsache, dass ein Teil seiner Tätigkeiten bewusst ist und unsrem Willen unterworfen, z.B. die Bewegungen unserer Glieder, die Fähigkeit des Sprechens usw., während ein anderer Teil unbewusst verläuft und nicht von unserem Willen abhängig ist (und deshalb auch nicht von unserem gegenwärtigen Bewusstsein), wie z.B. Blutkreislauf, Verdauung, innere Sekretion, Wachstum und Zerfall der Zellen usw. Das Atmen nimmt eine Mittelstellung ein, weil es aus einem unbewussten in einen bewussten Vorgang verwandelt werden kann. Daher vermag das Atmen die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verknüpfen, das Geistige mit dem Körperlichen, das Bewusste mit dem Unbewussten. Es ist der Mittler, der einzige Lebensvorgang, durch den wir fassen, was geworden und was im Werden ist, durch den wir die Vergangenheit und die Zukunft meistern können. Daher ist das Atmen der Ausgangspunkt für schöpferische Meditation.
Wir leben vorwiegend in einer mittelbar zugänglichen, rückwirklichen Welt, und nur selten erleben wir tatsächliche Wirklichkeit, nämlich die Gegenwart. Unsere üblichen Reaktionen folgen alten Gewohnheiten, altem Brauch und gründen sich deshalb auf der Vergangenheit, die aufgespeichert ist in Form von Instinkten, Gedächtnisinhalten, begrifflichen und gefühlsmäßigen Verknüpfungen usw. Obgleich diese Vorgänge notwendig sind für den Zusammenhalt und Weiterbestand unserer geistigen und körperlichen Lebensvorgänge, bilden sie doch nur die Unterlage unserer Existenz, die passive Seite unseres Lebens; sie sind sowohl persönliches als auch unser gemeinschaftliches Erbe. Solange dieses Erbe vorherrscht, leben wir im Wesentlichen in der Vergangenheit.
Indessen ist es eine Tatsache, dass unser Bewusstsein nicht nur in eine Richtung zielt wie der Körper und die Sinne, sondern sowohl an der Gegenwart als auch an der Zukunft teilhat, falls wir ihm eine Gelegenheit dazu geben, indem wir es wenigstens zeitweise von der Last der Vergangenheit befreien. Das geschieht während andächtiger religiöser Betrachtung, in Augenblicken der Ergriffenheit durch eine Idee, beim Erlebnis eines Kunstwerkes oder der unberührten Natur, also bei allen Zuständen tiefer Hingabe und Sammlung. Dann wandelt sich jeder Gegenstand des Bewusstseins, gleich ob geistig oder stofflich, in ein persönliches und unmittelbares Erlebnis, dessen Frische durch keine früheren Verknüpfungen verwässert und dessen Ursprünglichkeit nicht verfälscht wird. Wer in der Gegenwart lebt, schaut alles mit einem vollkommen unbeschwerten, vorurteilsfreien und offenen Bewusstsein, er erlebt so tief, als sähe er die Dinge zum ersten Mal. Er bewahrt oder erneuert seine geistige Frische und Wachheit – die charakteristischen Eigenschaften des Genies.
Gewöhnlich leben wir uns weg vom Leben, entweder dadurch, dass wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen oder indem wir die Zukunft vorwegnehmen. Beide Geisteshaltungen bedeuten Unfreiheit, ganz gleich, ob jemand tätig ist oder sich treiben lässt. Wer das anfanglose Greifen und Haften überwindet, befreit sich von der Vergangenheit. Deshalb liegt der buddhistischen Meditation keine andere Absicht zugrunde, als den Geist in die Gegenwart zurückzuführen, in den Zustand völlig wachen Bewusstseins. Das wird erreicht durch Beseitigung aller Hindernisse, die durch Gewohnheit oder Überlieferung geschaffen worden sind. „Ich habe einen Lama sagen hören, dass ein Meister, ein Führer auf dem ‘Kurzen Pfad’, die Aufgabe hat, ein ‘Ausräumen’ zu überwachen. Er muss seinen Schüler anregen, sich frei zu machen von Meinungen, Vorstellungen, übernommenen Gewohnheiten und inneren Neigungen, welche zum Teil seinen gegenwärtigen Geist beherrschen und die in der Reihe früherer Lebensläufe erworben worden sind und deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert. Darüber hinaus muss der Meister seinen Schüler anhalten, auf der Hut zu sein vor der Annahme neuer Meinungen, Vorstellungen und Gewohnheiten, die ebenso unbegründet und unvernünftig sind wie jene, die er eben abschüttelt. Der Schüler auf dem ‘Kurzen Pfad’ muss sich vor neuen Einbildungen hüten. Zwar wird dem Schüler in der Meditation zuweilen das Gestalten von geistigen Bildern vorgeschrieben. Er soll bewusst Wahrnehmungen und Erscheinungen erzeugen und erfährt dabei deren illusorische Natur, welche wir sonst als wirklich hinnehmen, obgleich auch sie nur auf Phantasietätigkeit beruhen. Der einzige Unterschied besteht nur darin, dass Phantasieschöpfungen unbewusst erfolgen. Der tibetanische Reformer Tsongkapa erklärt Meditation als das Mittel, sich selbst zu befähigen, alle Phantasieerzeugnisse zusammen mit ihren Vorbedingungen zu verwerfen“ (Alexandra David-Neel: With Mystics and Magicians in Tibet. Penguin Ed., p. 245).
In diesem Zusammenhang gewinnen folgende Worte Tilopas besondere Bedeutung: „Bemühe dich um Selbsterkenntnis durch Beobachten der Symbole, die in deinem eigenen Geist auftauchen; ohne zu phantasieren, ohne zu grübeln, ohne zu zergliedern, ohne krampfhaftes Nachdenken, ohne bohrende Innenschau; halte deinen Geist in seinem natürlichen Zustand“ (Evans-Wentz: Tibetan Yoga and Secret Doctrine).
Solange wir in der Vergangenheit leben, sind wir dem Gesetz von Ursache und Wirkung unterworfen, das keinen Raum für freie Willensentscheidungen lässt und uns zum Sklaven der Notwendigkeit macht. Dasselbe gilt für das so genannte „Leben in der Zukunft“, wobei mit Hilfe von Erinnerungsvorstellungen und vergangenen Erfahrungen Wunschbilder erzeugt werden; das Vergangene wird gleichsam in die Zukunft projiziert. Werden jedoch Vergangenheit oder Zukunft in Augenblicken der Hellsicht erfahren, so werden sie zur Gegenwart; diese eben ist unsere einzige Möglichkeit, die Wirklichkeit zu erleben. (Während das sonstige Verweilen in Vergangenheit oder Zukunft nur verzerrte und verfälschte Spiegelung ist.) Nur in Augenblicken heller Wachheit und Achtsamkeit leben wir in der Gegenwart, sind wirklich frei.
Auf diese Weise haben wir teil an beidem: am Reich des Gesetzes und der Notwendigkeit und an dem der Freiheit. Die Wissenschaft, die sich nur mit dem Gewordenen beschäftigt, mit den gestalteten Formen, aber nicht mit dem eigentlichen Wesen der Wirklichkeit oder dem tatsächlichen Vorgang des lebendigen Werdens und daher eher eine rückwirkliche als eine wirkliche Welt erforscht, kann sich nur eine Welt vorstellen, in der Gesetz oder Notwendigkeit unumschränkt und ausschließlich herrschen. Deshalb kann die Wissenschaft in der Frage von Freiheit und Unfreiheit des Willens der Lebewesen nicht Richter sein, d. h. der Lebewesen, die die Fähigkeit der Anpassung und Selbsterhaltung besitzen und mit der Gabe des Bewusstseins ausgestattet sind. Das gilt auch für die Philosophie, solange sie sich auf wissenschaftliche Ergebnisse und Methoden stützt wie den logischen Schluss usw., die alle derselben rückwirklichen Welt angehören, der niederen Zeitdimension. Abstraktes Denken wird immer zu einem extremen und einseitigen Ergebnis führen. Denn es beschränkt das Problem der Wirklichkeit auf feste Begriffe und ideologisch fein säuberlich getrennte Schubfächer, die auf einer gedachten Ebene ausgewechselt werden können. Diese ist in der Wirklichkeit ebenso wenig vorhanden wie jene begrifflichen Einheiten. Aber diese Beschränkung erlaubt dem Wissenschaftler ein peinlich genaues Gruppieren, entweder auf der einen oder der anderen Seite der Gleichung, so dass immer ein entweder positives oder negatives Ergebnis zustande kommt. In jedem Fall eine endgültige Entscheidung zwischen den beiden Seiten.
Gewöhnlich nimmt man an, dass die durch Denken aufgebaute Welt der wirklich erlebten Welt entspricht (ganz abgesehen von dem Begriff einer Welt „an sich“). Diese stillschweigende Annahme ist die Hauptquelle unserer unwirklichen und irrtümlichen Weltanschauung. Unsere erlebte Welt schließt die gedachte Welt ein, aber nicht umgekehrt. Denn unser Leben umfasst mehrere Dimensionen, von denen der Intellekt, die Fähigkeit zu denken und Begriffe zu bilden, nur eine ist.
Wenn wir die Erlebnisse höherer Dimensionen gedanklich darstellen, tun wir dasselbe wie ein Maler, der dreidimensionalen Raum auf einer zweidimensionalen Fläche wiedergibt. Er kann das nur tun, indem er auf die Darstellung wesentlicher Eigenschaften des Raumes verzichtet und indem er eine neue Ordnung der Maßverhältnisse einführt, die aber nur innerhalb seines künstlerischen Schaffens und nur in einer bestimmten Hinsicht gelten. Was für den Maler die Gesetze der Perspektive, sind für den Denker die Gesetze der Logik. Beide opfern Werte einer höheren Dimension; sie wählen aus und beschränken sich auf einzelne Gesichtspunkte. Auf diese Weise erscheinen ihre Gegenstände nur einseitig, nämlich von der Seite, die ihrer Vorgefassten Meinung entspricht, und in einer veränderten Größenordnung, nämlich verkürzt.
Aber der Künstler überträgt nur seine Eindrücke von einer Dimension bewusst in die andere, und zwar nicht mit der Absicht, die gegenständliche Wirklichkeit nachzuahmen oder neu zu erschaffen. Er will nur seine Haltung gegenüber der Wirklichkeit kundtun und wie die Wirklichkeit ihn beeindruckt hat. Der Denker aber ist gewöhnlich davon überzeugt, dass er in seinem Denken die Wirklichkeit tatsächlich und getreu darstellt. Irrtümlicherweise nimmt er die verkürzende Größenordnung seiner zweidimensionalen Logik für Weltgesetz. Wohl ist die Anwendung der Logik im Denken genauso notwendig und gerechtfertigt wie die Anwendung der Perspektive in der Malerei – aber nur als Mittel des Ausdrucks und nicht als Merkmal und Maßstab der Wirklichkeit.
Die Aufgabe der Philosophie kann also nicht darin bestehen zu entscheiden, ob die Freiheit oder Unfreiheit des Willens ein wirkliches Kennzeichen der Welt ist, denn es gibt kein „Entweder- Oder“. Es gibt keine zwei Möglichkeiten, zwischen denen wir uns entscheiden können, sondern nur zwei Seiten derselben Sache. Wenn der Logiker nicht imstande ist, diese beiden Seiten unserer Erfahrung in seinem Weltbild zu vereinen, mit anderen Worten, wenn er es unvereinbar findet mit den Gesetzen der Logik, dann beweist er nur, dass seine Logik ungeeignet ist, mit der Wirklichkeit fertig zu werden. Denn hier haben wir mit der unmittelbaren Form der Wirklichkeit zu tun, mit den wesentlichsten Tatsachen der menschlichen Erfahrung, die weder Philosophie noch Religion wagen kann zu verneinen oder zu vernachlässigen:
1. Dass wir uns frei fühlen und verantwortlich für unsere Handlungen und dass diese innerste Erfahrung des freien Willens die Voraussetzung für unser Dasein als bewusste Einzelwesen ist. Ohne diesen freien Willen wären wir lediglich Automaten, und die Fähigkeit des Bewusstseins würde nicht nur überflüssig, sondern sogar hinderlich sein.
2. Die Tatsache, dass wir in einer Welt leben, die Gesetzen unterworfen ist, die, obgleich sie unsere Freiheit einschränken, uns die Möglichkeit geben, unsere Handlungen zu planen, auszurichten und zu ordnen, um auf diese Weise unser Verhalten der Umgebung anzupassen.
An dem eisernen Gesetz von Ursache und Wirkung ist nicht zu rütteln. Aber sobald wir eingesehen haben, dass gewisse Ursachen gewisse Ergebnisse zeitigen, sind wir fähig oder können wir es doch werden, zwischen verschiedenen Möglichkeiten des Handelns zu wählen. Wer sich aber einmal entschlossen hat, muss dem durch den ersten Schritt bestimmten Lauf der Dinge folgen.
Es mag verhältnismäßig selten sein, dass wir eine echte Möglichkeit zur Entscheidung haben. Im Allgemeinen erwächst eine Lebenslage mit Notwendigkeit aus einer vorhergehenden und bestimmt den weiteren Ablauf des Geschehens. Aber die Tatsache, dass wir unsere Fähigkeiten des Unterscheidens, Nachdenkens und Entscheidens entfalten können, darf nicht übersehen werden. Auch nicht die Tatsache, dass verschiedene Personen in derselben Lebenslage voneinander abweichende Entscheidungen treffen. Der Anhänger des unfreien Willens wird hier einwenden, dass diese Tatsache kein Beweis für den freien Willen ist, weil jeder gemäß seinem Charakter handelt, von dem er abhängig ist wie der Stein vom Gesetz der Schwerkraft. Dies ist ein Einwurf, der ebenso töricht wie unlogisch ist, weil wir hier mit Worten zu spielen beginnen, ohne Rücksicht auf ihre Beziehungen zum Leben, so als ob jedes Lebewesen ein Ganzes für sich wäre oder eine mathematische Größe mit einem feststehenden Wert.
Freier Wille ist der Ausdruck eines persönlichen Wollens, d.h. des Willens, der dem Wesen einer Persönlichkeit entspricht. Der Ausdruck „freier Wille“ setzt schon das Vorhandensein einer Individualität oder eines individuellen Charakters voraus. Nur eine Persönlichkeit kann eine Willensregung haben, und wenn diese frei ist, so drückt sie die besondere Eigenart dieser Persönlichkeit aus.
Der gesetzmäßige Ablauf eines Naturvorganges erfolgt automatisch und überall in gleicher Weise. Der freie Wille dagegen wirkt bewusst und individuell. Ein Wille, der zusammenhanglos mit und beziehungslos zu unserer eigenen Natur wirkte, wäre sinnlos und könnte nicht „freier Wille” genannt werden, obgleich er frei wäre von jedem denkbaren Gesetz. Gäbe es einen größeren Widersinn?
Wir können also zusammenfassen:
1. Freier Wille, oder allgemein gesagt, Freiheit ist nicht Willkür.
2. Freier Wille kann niemals ein Gegenstand der Beobachtung sein, sondern nur persönliches Erlebnis. Das Problem von Freiheit und Notwendigkeit ist ganz und gar ein persönliches Problem und kann niemals an einem anderen Objekt (wissenschaftlich oder philosophisch) gelöst werden.
3. Freier Wille ist ein relativer Ausdruck. Er bezeichnet eine Beziehung zwischen einer bewussten Persönlichkeit und ihrer Umgebung oder zwischen ihr und einer bestimmten Lebenslage.
4. Deshalb kann es keinen absolut freien Willen geben.
5. Unter freiem Willen verstehen wir die Freiheit eines Individuums, seinen eigenen Willen auszudrücken. Gemäß seinem eigenen Wesen und seiner eigenen Einsicht (also entsprechend der eigenen Entwicklungsstufe) im Gegensatz zu einer mechanischen Rückwirkung, welche einem allgemeinen Gesetz folgt ohne Einsicht und ohne Verständnis ihres Wesens.
6. Der Ausdruck freier Wille besagt nicht, dass er gesetzlos ist oder dass sein eigenes Gesetz im Gegensatz zu allgemeinen Gesetzen steht. Er kann den allgemeinen Gesetzen folgen oder auch nicht, und in vielen Fällen verändert er sie und verwandelt sie in persönliche Gesetze.
Wir können unseren persönlichen Willen mit einer Lokomotive vergleichen und die allgemeinen Gesetze mit einem Schienensystem. Vor Beginn der Fahrt bestehen viele Möglichkeiten. Aber ist einmal die Weiche gestellt, muss die Lokomotive in der begonnenen Richtung weiterfahren. Die beiden Reiche Freiheit und Notwendigkeit (Ethos und Logos, freier Wille und Gesetz), die anscheinend einander ausschließen, sind in der menschlichen Persönlichkeit vereinigt. Was uns von außen als Notwendigkeit erscheint, kann der echteste Ausdruck von Freiheit, von freiem Willen sein, wenn er sich mit dem inneren Gesetz oder dem Wesen der Persönlichkeit deckt.
Und hier erhebt sich die Hauptfrage: Sind nicht vielleicht Gesetze vorhanden, die unser Verstand als außerhalb von uns auffasst und die wir daher als uns gegen unseren eigenen Willen aufgezwungen betrachten – sind nicht eben diese Gesetze unsere eigene geistige Schöpfung und deshalb wahrhaft der Ausdruck unseres allereigensten Willens? Wie kann der Denker annehmen, dass er oberhalb der Welt und oberhalb der Persönlichkeit steht, und vorgeben, dass er ein objektiver Beobachter in einer Sache ist, wo innere Erfahrung – auf der eben die Gesetze, die er zu erforschen wünscht, gegründet sind – die einzige Quelle seines Wissens ist? Er gleicht einem Mann in einem fahrenden Wagen, der meint, dass sich die Dinge rings um ihn bewegen, ohne zu merken, dass er selbst eben in Bewegung ist.
Wir können unseren Standpunkt am besten mit den bezeichnenden Worten A. Eddingtons zusammenfassen (aus Space, Time and Gravitation): „Wir fanden eine seltsame Fußspur an der Küste des Unbekannten. Wir haben tiefsinnige Lehrmeinungen ersonnen, eine nach der anderen, um ihren Ursprung zu erklären. Schließlich glückte es uns, das Wesen zu begreifen, von dem die Fußspur herrührt. Und siehe da, sie ist unsere eigene!“ Wenn die Wissenschaft dies zugibt, wird sie einen neuen Abschnitt beginnen, in der Physisches und Metaphysisches nicht mehr sich ausschließende Gegensätze sind und in dem die Erforschung der Welt uns neue Dimensiolässtdes Geistes entdecken lässt.
gnosis - am Samstag, 13. März 2004, 10:23 - Rubrik: Neo-Gnosis
creature meinte am 13. Mär, 11:37:
starker tobak für mich am morgen aber total interessant deine beiträge, vielen dank noch und weiter so....
gnosis antwortete am 13. Mär, 11:54:
Danke - für deine Aufmerksamkeit!
...schönes Wochenende!